Child-Survivors-Deutschland
Überlebende Kinder der Shoah


Lutz van Dijk: Zu keinem ein Wort

Berlin: Elefanten-Press 2002, Euro 12,90

Überleben im Versteck

von Eva Lücker

Im Januar 1933 lebt die siebenjährige Cilly nach dem Tod des Vaters mit ihren drei Geschwistern in einem jüdischen Frankfurter Waisenhaus. Die "Machtergreifung" der Nazis interessiert sie zunächst wenig, aber bald merkt sie, wie gefährlich die neuen Machthaber auch für sie sind: Auf dem Schulweg wird sie immer öfter von anderen Schülern verprügelt, und in der Pogromnacht im November 1938 verwüsten die Hitlerjugend und die Sturmabteilung (SA) auch das Waisenhaus. Wenig später können zumindest Cilly und ihre jüngere Schwester mit einem Kindertransport nach Holland ausreisen.

Anschaulich schildert Lutz van Dijk nun in Form einer Ich-Erzählung die weitere Lebens- und Überlebensgeschichte der Cilly Peiser. Ihre Probleme in der neuen Umgebung und wie schwer ihr das Einleben in dem Amsterdamer Kinderheim, in dem sie und ihre Schwester untergekommen sind, fällt. Wie sie nach ihrem Schulabschluss eine Ausbildung zur Wirtschafterin macht und später - nach der Besetzung der Niederlande - Arbeit als Kinder- und Säuglingsschwester in einer jüdischen Kinderkrippe findet. Dort kümmert sie sich um die Kinder der Familien, die bald deportiert werden sollen. Als es in Amsterdam immer gefährlicher wird, kann sie 1943 in Nord-Brabant untertauchen, wo sie bis zur Befreiung 1943 noch mehrfach das Versteck wechseln muss. Welche Erfahrungen Cilly Peiser dabei in den unterschiedlichen Familien macht und wie das ständige Verstellen sie zunehmend belastet, bis hin zu ihrer Heirat mit einem israelischen Soldaten nach dem Krieg und ihrer Auswanderung ins damalige Palästina - davon handelt der letzte Teil des Buches.

Empfehlenswert ist das Buch als Einstieg in das Thema für etwa Zehn- bis Zwölfjährige. Denn hier bekommt man anhand eines Einzelschicksals einen guten Überblick über die Entwicklung der Judenverfolgung in der NS-Zeit. Durch eine Zeittafel und zahlreiche Anmerkungen im Anhang werden noch einmal Zusammenhänge verdeutlicht und zusätzliche Informationen geliefert. Zahlreiche Fotos aus Cillys Privatbesitz illustrieren die Geschichte und lockern den Text auf.

Aber trotz aller Pluspunkte und der anschaulichen Erzählweise: Wirklich originell ist die Geschichte nicht. Es ist eben nicht das erste Buch zu diesem Thema. Außerdem neigt der Autor zur Schwarz-Weiß-Malerei: Bis auf wenige Ausnahmen sind die Deutschen immer die "Bösen" und die Holländer immer die "Guten".

Heute lebt Cilly Peiser wieder in Frankfurt. Seit einiger Zeit besucht sie immer wieder Schulklassen, vor denen sie als Zeitzeugin berichtet. 1993 wurde ihre Geschichte für das niederländische Fernsehen verfilmt. Seit 2000 ist sie die 1. Vorsitzende von Child Survivors Deutschland, einer Organisation, die sich um Menschen kümmert, die als Kind die NS-Zeit überlebten.

März 2003

Der Autor

Lutz van Dijk, Dr. phil., geboren 1955 in Berlin, war mehrere Jahre Lehrer in Hamburg und später Mitarbeiter des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam. Heute ist er freier Schriftsteller und lebt in Amsterdam und Kapstadt, wo er sich für von HIV betroffene Kinder und Jugendliche engagiert. Zu seinen Jugendbüchern über die NS-Zeit zählen auch Der Attentäter (1988), Verdammt starke Liebe (2001), Der Partisan (2002) und Die Geschichte der Juden (2001).