Child-Survivors-Deutschland
Überlebende Kinder der Shoah


Ansprache von Horst Selbiger anläßlich der Stolperstein-Einweihung:

Meine Damen und Herren, liebe Lehrerinnen und Lehrer des Gebrüder- Montgolfier Gymnasiums, liebe Schülerinnen und Schüler, meine lieben Freunde.

"Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Optimist" - diesen Satz prägte der erste Ministerpräsident des jungen Staates Israel, David Ben-Gurion, Ministerpräsident eines Staates, der demnächst seinen 60. Geburtstag feiern wird.

"Wer nicht an Wunder glaubt …" so dachte auch ich, als ich plötzlich und unerwatet im August 2007 eine E-Mail erhielt, deren wundersame Sätze lauteten: "Ich selbst bin Jahrgang 1940. Meine Familie waren damals Nachbarn einer Familie Selbiger in Berlin-Baumschulenweg, Güldenhofer Ufer 10. Es ist mir und meinen Brüdern ein Anliegen, für diese Familie und eine andere im gleichen Haus Stolpersteine zu setzen."

Diese Mail war von Frau Fridburg Thiele, der Initiatorin der Stolpersteine, die wir heute einweihen wollen zum Gedenken an Käte Mugdan, Heinrich und Emma Selbiger sowie Alfred und Erika Selbiger.

Danke Frau Thiele für Ihre Idee, und für Ihre Kraft und Ihre Zeit, mit der Sie das alles umgesetzt haben - auch unter Einbeziehung eines größeren Personenkreises, sonst würden wir heute hier nicht versammelt sein - und deshalb danke ich allen Beteiligten.

Wie war das nur möglich? - Fast 65 Jahren nach dem Sterben der Familie Selbiger in diesem Haus, erinnerten sich damalige Kinder noch an ihre Nachbarn und möchten für sie eine bleibende Erinnerung setzen, eben jene Stolpersteine - die hoffentlich viele nach dem Stolpern auch noch zum kurzen Verweilen und Gedenken veranlassen werden.

Über Frau Käte Mugdan wird noch berichtet werden, so daß ich mich auf meine Familie beschränken darf.

Heinrich und Emma Selbiger waren alles in allem unauffällige, ehrbare deutsche Bürger jüdischen Glaubens, die aber bereits von den Nürnberger Gesetzen gebeutelt, ausgegrenzt, entrechtet und gekennzeichnet waren.

Onkel Heinrich war Veteran und hochdekorierter Frontkämpfer der deutschen Armee im 1. Weltkrieg. Er war Lehrer für Geschichte, jüdische Geschichte und Hebräisch. In dieser Tätigkeit unterrichtete er auch mich bis zur Schließung aller Jüdischen Schulen im April 1942 in der Mittelschule der Jüdischen Gemeinde zu Berlin Große-Hamburger-Straße.

Alfred, Jahrgang 1911, und seine Ehefrau Erika Selbiger, Jahrgang 1914, waren erst wenige Jahre verheiratet.

Nach dem Abitur studierte er zunächst Medizin. Als durch die Nazi-Gesetzgebung es aussichtslos wurde, als Jude je eine Zulassung zu bekommen, wechselte er zum Rabbiner-Seminar. Bereits 1933 war Alfred in der Jugendbewegung der Berliner zionistischen Vereinigung aktiv. 1938/39 leitete er zusammen mit seiner Frau Erika das Gut Havelberg. Im Sommer 1939 reist er zum Zionistenkongreß in die Schweiz - uns keiner von uns glaubte daran, daß er in das faschistische Deutschland zurückkehren werde. Er kam zurück. Er sagt, er wird jetzt in Berlin gebraucht.

Mitte 1939 gab es in Deutschland noch 20 Hachschara-Lehrgüter mit etwa 1500 Bewohnern, die sich in den landwirtschaftlichen Betrieben auf ihre Ausreise nach Palästina vorbereiteten. Alfred Selbiger leitete diese Güter. Das Reichssicherheitshauptamt lequidierte und arisierte die meisten Hachschara-Güter. Einige wurden von der SS zu Arbeitslager umfunktioniert . Alfred arbeitete nun maßgeblich im Palästina-Amt in der Meinickestraße 10, das mit dem britischen Mandatsbehörden in Palästina zusammenarbeitete.

Ab Oktober 1939 wurden Einreisevisa für deutsche Juden nicht mehr ausgestellt, denn jetzt waren Großbritanien und Deutschland im Kriegszustand.

Mit anderen Mitarbeitern des Palästinaamtes war Alfred hin- und hergerissen. Unter den führenden Mitgliedern der zionistischen Bewegung gab es Meinungsverschiedenheiten: Sowohl Chaim Weizmann als auch David Ben-Gurion hofften, dass die Engländer zu ihrer prozionistischen Nah-Ost-Politik zurückfinden würden und waren deshalb dagegen, dass die Engländer durch illegale Einwanderungen verärgert wurden.. Das war umstritten und letztendlich setzte sich die gegenteilige Meinung durch.

So organisierte das Palästina-Amt in Berlin die illegale Einwanderung nach Palästina.. Von März 1939 bis August 1940 wurden die Illegalen über Wien, entlang der Donau nach Jugoslawien gebracht. Dort gingen sie an Bord von Schiffen, die sie nach Palästina brachten 1800 vorwiegend junge Juden gelangten so aus Deutschland nach Palästina. andere kamen nie nach Palästina - sie sanken seeuntüchtig im Mittelmeer oder wurden an der Küste Palästinas von den Briten aufgebracht und ins Ungewisse zurückgeschickt..

Als das Palästina-Amt von der Gestapo geschlossen wurde, übernahm Alfred eine Stelle in der Personalabteilung der "Reichsvereinigung für Juden" - wie damals der offizielle Name war. Alfreds Einstellung zu illegalen Maßnahmen hatte sich grundlegend gewandelt. Auch die Frage des illegalen Untertauchens wurde jetzt anders beurteilt. Der zionistische Lehrer Jizchak Schwersens beschreibt den Wandel:

"Alfred Selbiger, damals der Bundesleiter des Hechaluz war der Meinung dass wir aus dem Hechaluz die heilige Pflicht hätten, selbst bei der Deportation den jüdischen Menschen voranzugehen...Die meisten der Chawerims vertraten diesen Standpunkt. Nur eine Minderheit setzte sich mit Gedanken der Flucht und des Untertauchens auseinander." Das war die Position in der ersten Jahreshälfte 1942.

Alfreds politische Einstellung wandelte sich 1942 wesentlich: Die Massendeportationen brachten unabsehbares Leid über die Berliner Juden. Jüdische Schulen und Ausbildungseinrichtungen waren zwangsweise geschlossen. Gekennzeichnet mit dem gelben Stern waren jüdische Menschen völlig isoliert und leisteten Zwangsarbeit Jetzt arbeitete Alfred auch verdeckt und illegal für die Jugendbewegung Hechaluz, dessen letzter Bundesleiter er war.

Und dann ging am 18. Mai 1942 im Lustgarten in Berlin die Propaganda-Ausstellung "Das Sowjetparadies" in Flammen auf. Bald stand fest, dass die jüdische Widerstandsgruppe um Herbert Baum das Attentat ausgeführt hatten. Nicht nur sie wurden verhaftet und später fast alle zum Tode verurteilt - sondern am 27. Mai 1942 wurden auch 250 wahllos herausgegriffene jüdische Männer aus Berlin und jüdische Häftlinge aus dem KZ Sachsenhausen als Vergeltung für den Brandanschlag der Gruppe Herbert Baum erschossen, 250 andere als Geisel genommen.

Der bereits erwähnte Jizchak Schwersens berichtete weiter: "Als ich meine Deportationsaufforderung für den 28.August1942 erhielt ging ich erregt zu Alfrede Selbiger, um mit ihm über meine Situation zu sprechen. Ohne die Zustimmung des Bundes und des Hechaluz wollte ich nicht handeln. Die Freunde waren über die Nachricht erschrocken, denn ich war der erste von den Verantwortlichen unserer Bewegung, der zur Deportation gehen sollte. Wieder diskutierten wir lange über das Untertauchen, und diesmal stimmte Alfred meinem Plan zu. Er erklärte sich darüber hinaus bereit, mir aus der schwarzen Kasse des Hechaluz monatlich 100 Mark zur Verfügung zu stellen."

Als die Gestapo anordnete, dass in den jüdischen Betrieben, Verwaltungen und im Krankenhaus nur noch ein Notdienst aufrecht zu erhalten sei, mussten sich 533 Mitarbeiter der Reichsvereinigung, des Kulturbundes, des jüdischen Krankenhauses sowie deren 328 Angehörige am 22. Oktober1942 im Sammellager Große Hamburger Straße zur Deportation einfinden, insgesamt also 861 Personen.

20 von ihnen tauchten unter und entzogen sich der Deportation.

Die Gestapo nahm dafür 20 führende Mitglieder der Reichsvereinigung und des jüdischen Kulturbunds als Geiseln. Acht von ihnen wurden am 20.November1942 in Sachsenhausen oder in Lichterfelde erschossen. Unter ihnen war Alfred Selbiger, damals 31 Jahre alt.

Seine Familie erfuhr am 01. Dezember 1942 von seiner Ermordung. Gleichzeitig wurden Alfreds Eltern und seine 28-jährige Ehefrau Erika aufgefordert -zusammen mit den anderen Hinterbliebenen der erschossenen Geiseln- sich als Sühnemaßnahme zur Deportation im Sammellager einzufinden. Alle drei - Heinrich, Emma und Erika Selbiger - so berichtete man in meiner Familie - zogen der Deportation den Freitod vor. Doch kein Grab, kein Stein, erinnerte bisher an sie. Jetzt mögen sie ruhen und dennoch viele, viele stolpern lassen über die Stolpersteine von

Heinrich Selbiger und seine Ehefrau Emma
über die Stolpersteine von
Alfred Selbiger und seiner Ehefrau Erika

Sie mögen ihre Ruhe finden mit all den Seelen der Sechs-Millionen Juden, Opfer der Shoah in Europa, ermordet, geschlachtet, verbrannt, umgekommen durch die Hände deutscher Mörder und Helfer auch aus anderen Völkern.
Sch'ma Jis'rael: Adonaj Elohejnu, Adonaj Echad !